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  • BEGEDER ruft auf zum "Rosenmontagspaziergang"

    Kaum wurde der rheinische Karneval zum Weltkulturerbe erklärt, schon macht ausgerechnet die Kultusministerkonferenz (KMK) in Berlin deutlich, dass es sich hierbei um eine ernste Angelegenheit handelt. So teilte sie ihren Bonner Mitarbeitern mit, der Rosenmontag sei ab sofort kein per se arbeitsfreier Tag mehr. Wie nicht anders zu erwarten, folgte dieser Weisung eine Empörungswelle der Betroffenen, auch die anderen Bonner Bundesbehörden schauen bereits mit aschermittwöchlich-sorgenvoller Miene in Richtung Bundesinnenminister, könnten sie doch ebenfalls in den Strudel hauptstädtisch-neidischen Unfrohsinns hineingezogen werden.

    Ein Sprecher der ‚Arbeitsgemeinschaft der Personalräte der obersten Bundesbehörden‘ betonte gegenüber dem General-Anzeiger, beim Feiern lerne sich die Belegschaft auch anders kennen: "Manches geht nachher einfacher." Wir wollen aus Gründen des Anstandes nicht hinterfragen, was genau er damit meint.

    "Diese Entwicklung ist bedenklich und könnte einen Stein ins Rollen bringen. Rosenmontag ist im Rheinland ein Feiertag, wenn auch kein gesetzlicher", so zitiert die Zeitung Festausschusspräsidentin Marlies Stockhorst. Der Untergang des Rheinlandes steht unmittelbar bevor. Wie aus ungewöhnlich gut informierten Kreisen zu erfahren war, haben einige KMK-Mitarbeiter bereits die Initiative BEGEDER ("Beamte gegen Entkarnevalisierung des Rheinlandes") gegründet und für Montag, den 16. Februar, nach Dienstschluss zu einem "Rosenmontagsspaziergang" aufgerufen. Die Polizei rechnet daher für diesen Tag mit erheblichen Verkehrsbehinderungen, auch Wurfgeschosse, Konfettikanonen und Lärmbelästigungen können nicht ausgeschlossen werden. Daher rät sie, die Bereiche Innenstadt und Innere Nordstadt möglichst zu meiden, bis BonnOrange die Straßen geräumt hat; der genaue Weg des Spaziergangs wird noch bekanntgegeben.

    Von der Bildung einer Gegenbewegung ist bislang nichts bekannt. Auch die Mitarbeiter von Post, Telekom und Postbank, ebenfalls ehemalige Behörden, sowie weiterer Bonner Unternehmen begegnen dem amtlichen Aufschrei mit einem Schulterzucken, zumal für sie schon vor Jahren die Arbeitsbefreiung nicht nur an Rosenmontag, sondern auch Heiligabend und Silvester aufgehoben worden ist. Viele von ihnen wollen jedoch am 16. Februar Urlaub nehmen, um sich den BEGEDER-Spaziergang anzuschauen. Mit einer Teilnahme der Initiative "Abendland antwortet auf Feierverbot" (ALAAF), die sich aus der Mitte einiger Ministerien gebildet hat, ist indes aufgrund innerer Zerstrittenheit nicht zu rechnen. Daher ist laut Polizei mit gewalttätigen Ausschreitungen - abgesehen von wenigen alkoholbedingten persönlichen Ausfällen - nicht zu rechnen. Oder wie der Rheinländer sagt: Et hätt noch emmer joot jejange.

    (Auch veröffentlicht in gekürzter, nicht ganz so alberner Version bei bundesstadt.com)

  • Das Ende ist nahe

    Die Welt im Januar 2015. Menschen stehen Schlange, um eine Zeitschrift zu erwerben, deren Sprache sie nicht verstehen, weil sie in der Schule damals lieber Latein statt Französisch gewählt oder das Gelernte längst vergessen haben. Andere fühlen sich durch diese Zeitschrift, die auch sie nicht verstehen, verhöhnt und zünden deswegen Kirchen und Kneipen an. Die übrigen schauen auf RTL einer Gruppe Bekloppter bei zweifelhaften Spielchen im australischen Dschungel zu.

    Als Gott der HERR dies sah, erkannte er, dass die Sache mit der Arche damals wohl seine größte Fehlentscheidung gewesen war. Eine Lösung musste her. Doch welche? Überschwemmungen zeigten nur noch örtlich begrenzte Wirkungen; Pest, AIDS und Ebola scheiterten am medizinischen Fortschritt der Menschheit. Vielleicht ein Atomkrieg? Doch würde dieser Gottes Schöpfung vollständig verheeren, einschließlich allen Gewächses und Gewürmes, welches da sprießt und kreucht, ein jedes nach seiner Art.

    Da fiel dem HERRN das Internet ein, damit müsste sich was machen lassen. Und also bestellte er zwölf IT-Experten ein und sprach: "Sehet, die Menschheit ist wahnsinnig geworden. So gehet hin, sie zu zerstören. Und diesmal keine Überlebenden bitte, das tue ich mir nicht noch einmal an!" So schlossen sich die zwölf Experten in ihre Cloud ein und machten sich nach dem Kick Off Meeting an die Arbeit. Sie erstellten die erforderlichen Dokumente, welche da hießen: Business Case, IT-Budgetantrag, Anforderungsdokumentation, System Requirement Statement, Phase Gate 1 bis 34 nach dem zertifizierten KOMPLEX-Vorgehen, Sicherheitskonzept und Datenschutzanalyse. Ferner mussten noch ein Entwicklungs- und ein Wartungsdienstleister ausgewählt sowie ein kostenpflichtiger User Support Helpdesk* eingerichtet werden.

    Bald aber waren die Experten so sehr mit sich selbst beschäftigt und im Kompetenzgerangel zerstritten, dass das Projekt schließlich aus Budgetgründen eingestellt wurde. Als Gott sah, dass er dem menschlichen Wahnsinn nichts mehr entgegenzusetzen hatte, weinte er bitterlich sieben Tage und sieben Nächte lang. Dann schaltete er den Fernseher ein, kuckte IBES, und er sah: Das Ende war nahe. Da lächelte der HERR.

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    * 54 Cent je Minute aus dem Festnetz der Deutschen Telekom, aus Mobilfunknetzen können höhere Entgelte anfallen.

  • Hut ab!

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  • Gratwanderung

    Eher zufällig wurde ich auf das Projekt *.txt im Blog Neon|Wilderness aufmerksam. Ein wenig erinnert es an die Schulzeit, als der Deutschlehrer ein Thema an die Tafel schrieb, zum Beispiel "Mein peinlichstes Nahtoderlebnis" oder "Warum mich mein Schutzengel mittlerweile hasst und ich trotzdem so weiter mache", und wir dann bis zur nächsten Deutschstunde Zeit hatten, darüber einen Aufsatz zu schreiben, Sie erinnern sich: Einleitung, Hauptteil, Schluss. So ähnlich ist *.txt auch, nur gibt Dominik, der Initiator, nicht ein Thema vor, sondern nur ein Wort, und die Teilnehmer haben nicht nur einen oder zwei Tage Zeit, darum einen Aufsatz zu spinnen, sondern sage und schreibe drei Wochen. Und benotet wird das ganze am Ende (hoffentlich) auch nicht. 

     

    "Das ist doch reizend", dachte ich mir und meldete mich spontan an. Mit Spannung erwartete ich also das Wort, welches für den 7. Januar angekündigt war, und also kam es und lautete: "Gratwanderung". Gratwanderung? Hm - daraus sollte sich was machen lassen, so mein erster Gedanke, aber was? Eine spontane Idee hatte ich nicht, also erstmal gedanklich ablegen und auf Inspiration hoffen, drei Wochen sind eine lange Zeit. 

     

    Dann kamen plötzlich noch am selben Tag die schrecklichen Meldungen aus Paris, wo wahnsinnige Islamisten auf perfide Weise deutlich machten: auch im einundzwanzigsten Jahrhundert, auch in unserer "freien westlichen Welt" ist die Wahrnehmung der Meinungsfreiheit, erst recht wenn sie in Form von Satire daher kommt, immer noch riskant. (Mehr möchte und werde ich nicht dazu schreiben, weil erstens dazu bereits sehr viel geschrieben wurde und zweitens von Leuten, die das viel besser können.)

     

    Doch muss man gar nicht den Wahnsinn des Terrors vor Augen haben, es genügt schon ein Blick in die Arbeitswelt. Große Konzerne rühmen sich, das Wohl ihrer Mitarbeiter als eines der wichtigsten Unternehmensziele hinzustellen, bezeichnen sie gar gerne als ihr "Aushängeschild" (was nicht selten bedeutet, dass sie sie im Regen stehen lassen), predigen den offenen Dialog zwischen Führung und Fußvolk. Die Wahrheit sieht oft anders aus: Wie weit kann ich beim jährlichen Mitarbeitergespräch gehen, wie offen kann ich dem Chef seine - nennen wir es mal - Optimierungspotentiale aufzeigen, ohne berufliche Nachteile befürchten zu müssen? Haben wir es nicht schon erlebt, dass allzu offene Kollegen in Ungnade fielen und plötzlich aus an den Haaren herbeigezogenen Gründen die Abteilung oder gar das Unternehmen verließen?

     

    Oder nehmen wir die Partnerschaft. Soll ich dem Partner ständig vorhalten, was mir an ihm nicht passt, etwa dass er "ständig" seine Hose irgendwo rumliegen lässt, "schon wieder" denn Müll nicht mit runter genommen hat oder hinter meinem Rücken mit meinem Auto zum Cruising fährt? Möchte ich riskieren, dass der Haussegen dauerhaft schief hängt wegen Dingen, die an sich ziemlich unwichtig sind?

     

    Auch wenn es vielleicht bequem oder gar feige ist: Manchmal ist es besser, die Klappe zu halten und die Dinge hinzunehmen, wie sie sind. Das gilt ausdrücklich nicht für die Ereignisse in Paris!

     

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    Nachtrag: Auf schmalem Grat wandeln auch Frisöre, die diese Bilder ins Fenster hängen, um für ihr Handwerk zu werben - bleibt doch oft unklar, ob die Frisur der dort abgebildeten Person den Zustand vor oder nach der angebotenen Dienstleistung darstellt. Da nützt es dann auch nichts, dass Frisöre können, was nur Frisöre können.

  • Tragisch

    Drei junge Männer rasen des Nachts in mitgebrachten Kinderschlitten die Winterberger Bobbahn hinunter. Sie verlieren die Kontrolle, prallen schließlich gegen einen zufällig am Ende der Bahn abgestellten Traktor, verunglücken dabei schwer, einer tödlich.

    Übermütige Jugendliche klettern auf abgestellte Güterwaggons, unterschätzen die tödliche Gefahr, welche von den 15.000 Volt in der Oberleitung ausgeht, kommen ihr zu nahe - ein Blitz, ein Knall, schwere Verbrennungen, meistens mit Todesfolge.

    Das ist schlimm. Immer wieder ist dann in den Medien von "tragischen" Unglücken zu hören und lesen. Doch was bedeutet eigentlich tragisch? Schauen wir in den Duden:

    "auf verhängnisvolle Weise eintretend und schicksalhaft in den Untergang führend und daher menschliche Erschütterung auslösend"

    Verhängnisvoll und schicksalhaft - also fremdgesteuert, vom Betroffenen weder zu beeinflussen noch zu vermeiden. Tragisch sind also zum Beispiel Zugunglücke wie das von Eschede, Flugzeugabstürze durch Blitzschlag, Vulkanausbrüche, Erdbeben oder der zufällige Aufenthalt in der Nähe einer von Terroristen gezündeten Bombe. (Morgens durch Herbert Grönemeyer im Radiowecker aufzuwachen, ist zwar auch verhängnisvoll und erschütternd, aber nicht besonders tragisch.)

    Niemand zwang indes die Jungs, die Bobbahn hinunter zu fahren oder auf Güterwagen zu klettern - außer vielleicht ihr Testosteron. Möge mich der Schlag mit mindestens 15.000 Volt treffen, sollte in den Windungen meines Hirns ein Gedanke wohnen, der da ätzt "geschieht ihnen recht" oder ähnliches. Doch bei allem Respekt und Mitgefühl für die Betroffenen und ihre Angehörigen: Das war nicht tragisch, das war einfach nur dumm. Meine menschliche Erschütterung hält sich daher in Grenzen.

    Keineswegs wunderte es mich, würden jetzt Stimmen laut, die zur Vorbeugung gegen solche Ereignisse deutliche Warnhinweise auf Güterwagen* und vor Bobbahnen fordern. So wie auf Pappkaffeebechern vor möglicher Verbrühungsgefahr durch heißen Inhalt gewarnt wird, oder Anfang der Neunzigerjahre allen Ernstes gefordert wurde, in Mecklenburg-Vorpommern alle Alleebäume zu fällen, weil die dortigen Autofahrer aufgrund noch ungewohnter PS-Stärke westlicher Kraftfahrzeuge dieselben reihenweise vor den Baum setzten mit oft tödlichem Ausgang, also für die Fahrzeuginsassen, seltener für den Baum. Derartige Ansinnen sind nicht tragisch, eher schon fast komisch.

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    * Schon seit Anbeginn der elektrischen Zugförderung sind auf Eisenbahnfahrzeugen im oberen Bereich Blitzsymbole als Warnung angebracht für kraft ihrer Tätigkeit befugte Eisenbahner, das Fahrzeug zu besteigen. Für besoffene Jugendliche reichen die anscheinend nicht aus.

  • Nicht-Vorsätze für 2015

    Silvester. Mit i, nicht y, auch wenn der Kater am nächsten Tag fast so sicher* ist wie Norbert Blüms Rente. Zeit für gute Vorsätze - darum erstellen viele Menschen in diesen Tagen wieder eine Liste mit den Dingen, die sie im neuen Jahr besser, öfter, weniger, gar nicht mehr oder überhaupt endlich machen wollen. Läsen sie diese Liste nach zwölf Monate erneut, stellten sie fest, dass sie nichts, aber auch gar nichts von alledem in die Tat umgesetzt haben. Tun sie aber nicht, sie haben die Liste spätestens Ende Februar vergessen.

     

    Ich dagegen erstelle traditionell jahresendlich eine Liste mit Dingen, die ich im neuen Jahr nicht angehen, umsetzen, erreichen oder ändern will. Das Erfolgserlebnis am Jahresende ist garantiert. 2015 werde ich nicht:

     

    + Mein gelöschtes Facebookprofil wiederbeleben. Dieses Mal hoffentlich endgültig…

    + Ein Herbert-Grönemeyer-Konzert besuchen.

    + Ein Udo-Jürgens-Konzert besuchen - leider.

    + Mir die Achseln rasieren.

    + Urlaub in der Türkei machen. Es soll dort sehr schön sein, aber dieser größenwahnsinnige Herrscher ist mir unheimlich.

    + Eine Fernreise machen. Wenn auch Reisen für viele Menschen das Größte ist - ich würde Europa nur ungern verlassen. Nach Russland will ich auch nicht. Nicht, so lange Schwule dort um ihr Leben fürchten müssen.

    + Die Menschen verstehen, z.B. warum Mord am Sonntagabend höchste Familienfernsehkultur, Porno jedoch igitt ist. Oder was so schwer daran ist, Rad- und Fußwege ihrem jeweiligen Zweck entsprechend zu benutzen. Diese Aufzählung ließe sich beliebig verlängern, vielleicht schreibe ich im neuen Jahr mal einen eigenen Aufsatz dazu.

    + Mir Eiswasser über den Kopf gießen oder was auch immer Vergleichbares 2015 Trend sein wird, sei der Zweck auch noch so gut gemeint. Dazu gehört wohl auch

    + mir einen Schnauzbart wachsen lassen.

    + Aufhören zu rauchen.

    + Ein Haustier zulegen. Silberfische, Filzläuse und Fruchtfliegen zählen nicht.

    + Ohne Not billigen Wein trinken.

    + Vor 9 Uhr morgens freiwillig und ungefragt reden.

    + Danke sagen, wenn jemand in der vollen Bahn erst auf Anfrage seine Tasche vom Platz nimmt, auf dass ich mich setzen kann.

    + Nach Paris fahren - ich würde ja gerne endlich mal, aber irgendwie klappt das leider nie.

    + Eins der zahlreichen Bücher von oder über Helmut Schmidt lesen.

    + Elektronische Bücher statt solche aus Papier lesen. 

    + “Spaß beiseite" sagen.

    + Jahresrückblicke lesen oder anschauen.

    + Einen vielbeachteten Blogtext verfassen.

     

    Die Liste ist natürlich nicht vollständig, unter anderem habe ich auch nicht vor, mir die Haare grün zu färben, ein Auge auszustechen, mich vom Posttower zu stürzen, an Schleimmonster zu glauben oder mit Gips zu gurgeln. Aber das soll erstmal reichen. In diesem Sinne: ein gutes neues Jahr Ihnen allen!

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    * Früher schrieb man auch "vorprogrammiert", bis Sebastian Sick heraus fand, dass das doppelt gemoppelter Unfug ist. Seitdem schreiben Journalisten stattdessen gerne "programmiert", was zwar korrekt im Sickschen Sinne ist, jedoch nicht schön oder gar originell. 

  • Driving home for christmas

    Nein, dies soll kein Jammertext sein über den alljährlichen Weihnachtswahnsinn: Geschenkebeschaffungsstress, Familienpflichtbesuche, unendliches Weihnachtsradiogedudel mit Pferdeschlittenschellen, Glockenklangimitationen, rot(z)näsigen Rentieren und "Christmas" in jeder zweiten Zeile, zu viel Essen und Trinken, Niedlichfindeverpflichtung gegenüber anwesenden Kleinkindern oder jungen Hunden, die immergleichen Geschichten am Esstisch mit der Verwandtschaft. Weil hierzu schon genug geschrieben wurde, in Blogs und "augenzwinkernden" Kolumnen. Und weil es nichts nützt, darüber zu jammern - im nächsten Jahr machen wir alles wieder genau so, weil wir es immer so gemacht haben, weil es von uns so erwartet wird.

    Und doch: Als ich heute nach der Rückkehr aus der ostwestfälischen Heimat alleine durch schäbiges, nasskaltes Schneegestöber am Rhein entlang spazierte, die Ohren, Hände und Füße langsam kalt wurden, da fühlte ich mich glücklich wie seit Tagen nicht mehr.

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    Vielleicht im nächsten Jahr doch mal Weihnachten anders verbringen? Oder noch besser: ignorieren?

  • Den Marsch geblasen

    Meine Begeisterung für Kirche, Papst und jedwede Religion führt bekanntlich ein kümmerliches Dasein. Einerseits reklamieren sie sofort die „Verletzung religiöser Gefühle“, sobald es jemand wagt, Kritik zu üben oder nur einen harmlosen Witz zu machen, andererseits beanspruchen sie für sich das Recht, getrieben von ebendiesen Gefühlen die Würde anders- oder nichtgläubiger Menschen zu verletzen, sei es durch Ausgrenzung oder gar durch Gewalt. Und doch bin ich mir sicher, die Menschen fänden andere Gründe, sich gegenseitig die Schädel einzuschlagen, gäbe es keine Religionen - wegen Fußball tun sie es ja heute schon, wobei die Fifa wenig Göttliches an sich hat, eher im Gegenteil.

    Allerdings komme ich nicht umhin, dem derzeit amtierenden Katholikenhäuptling Franzl meine Anerkennung auszudrücken. So schlug er jetzt seinen Kurienkardinälen und -bischöfen statt des erwarteten Jahresrückblicks ihre Verfehlungen um die Ohren: den Glauben an die eigene Unsterblichkeit, Immunität und Unverzichtbarkeit, blinden Aktionismus, Machtstreben um jeden Preis, geistige Verhärtung, Rivalität, Intrigantentum, Eitelkeit, Geschwätzigkeit, falsche Unterwürfigkeit, Karrieredenken, Abschottung, Bildung von Seilschaften, ungenügende Koordination mit anderen, theatralische Strenge und weitere. Es überrascht wenig, dass die Gescholtenen die Rede ihres Chefs mit versteinerten Minen verfolgten und am Ende nur verhalten applaudierten.

    Des Papstes Worte belegen deutlich, dass sich die Katholische Kirche nicht sehr stark von einem DAX-30-Konzern unterscheidet. Denken wir uns statt der bunten, wallenden Roben dunkle Anzüge, statt des Gottesbezuges den Blick auf das Konzernergebnis, so könnte dieselbe Rede auch der Aufsichtsrats- oder Vorstandsvorsitzende seinen sogenannten Managern zu Gehör bringen. Eher wird eine Jungfrau schwanger, als dass dies geschieht, doch scheint es wünschenswert, angemessen und längst fällig.

    In diesem Sinne: frohe Weihnachten!

  • Über Integration, menschliches Miteinander und Nussnougatcreme

    Die CSU möchte ausländische Mitbürger ermuntern, deutsch zu sprechen, auch wenn sie unter sich sind, nur so könne Integration gelingen. Ausgerechnet die Partei also, deren Mitglieder selbst kaum des Deutschen mächtig sind, also jedenfalls nicht in einer für Außerbayerische verständlichen Weise. Gerne erinnern wir uns an Edmund Stoiber, als er die Vorzüge einer Magnetschwebebahn vom Münchner Hauptbahnhof zum Flughafen pries oder den Bären Bruno problematisierte. Immer wieder begibt sich die CSU hart an die Grenze zur Satire, fast möchte man ihr Kürzel als Christlich-satirische Unterhaltungspartei verstehen.

    Apropos Grenze: Etwa zur gleichen Zeit erklärte die Gesellschaft für deutsche Sprache das Wort ‚Lichtgrenze‘ zum Wort des Jahres. Nachdem ich mich vergewissert hatte, mich nicht verlesen zu haben, musste ich erstmal schauen, was das sein sollte, eine Lichtgrenze, denn weder hatte ich das Wort zuvor gehört oder gelesen, noch hatte ich eine Vorstellung von seiner Bedeutung. Was wie ein Begriff aus der Astrophysik anmutet, stellte sich dann als eine künstlerische Installation in Berlin zur Feier des Mauerfalls vor fünfundzwanzig Jahren heraus. Was qualifiziert ein flüchtiges Kunstwerk dazu, das Wort des Jahres zu gebären? Warum nicht stattdessen zum Beispiel ‚Eistonne‘?

    Wie auch immer - ich mag meine Muttersprache sehr, wobei der Begriff an sich schon irreführend ist. Wieso eigentlich Muttersprache? Auch Vater, Bruder, Oma, Opa, Nachbar und weitere mehr oder weniger nahestehende Personen bedien(t)en sich des Deutschen, welches es ermöglicht, schnell auf den Punkt zu kommen, allein schon durch die wunderbare Möglichkeit, zusammengesetzte Substantive zu bilden wie 'Dampflokomotivtenderdrehgestellkonstrukteursschule'. Das ist natürlich nur ein spontan konstruiertes Beispiel, welches jeglichen Praxisbezuges entbehrt, erscheint doch die Notwendigkeit eines eigenen Berufsstandes ausschließlich zur Konstruktion von Tenderdrehgestellen sehr zweifelhaft und zudem auch wenig zukunftssicher, da die Nachfrage nach Lokomotivtendern in den letzten Jahren stark rückläufig ist. Ein weiteres Beispiel ist ‚Lichterkettenwettrüstungsspirale‘, das mir letztens während einer Zugfahrt durch die adventliche Dunkelheit einfiel und das mir beim Scrabblespiel sicher eine beachtliche Punktzahl einbringen würde.

    Eine weitere schöne Sprache ist das Französisch, auch wenn es mir trotz mittlerweile zahlreicher Frankreichaufenthalte nicht gelingen will, es zu verstehen oder gar erlernen. Dort ist der Ansatz der Begriffsbildung ein anderer: zusammengesetzte Hauptwörter sind unüblich, stattdessen besingt der Franzose den zu bezeichnenden Gegenstand mit einem bunten Strauß aus Einzelwörtern. Beispiel: Pâte à tartiner aux noisettes für Nussnougatcreme.

    Zugegeben - das ist natürlich nur ein Frankreich-Klischee wie allgegenwärtiges Akkordeongedudel, Baskenmützen, sprachliche Unflexibilität und Baguette. Gut, das mit dem Baguette stimmt wirklich. Aber die Franzosen kennen durchaus auch kurze und zudem schöne Wörter für Dinge, die im Deutschen nicht mal eine richtige Bezeichnung haben. Zum Beispiel dieses Rührdings, was es dazu gibt, wenn man seinen Pappbecherkaffee gerne mit Milch und/oder Zucker zu sich nimmt, Sie wissen schon, dieses weiße Plastikteil mit der länglichen Öse an einem Ende. Wir würden Sie das nennen? Der Franzose weiß es: l´agitateur! Ist das nicht herzallerliebst? Wie germanisch-kalt klingt dagegen Pappbecherkaffeerührdings…

    Vor allem aber verfügt das Französische über zwei sehr nützliche Alltagsbegriffe der persönlichen Anrede, welche in ständigem Gebrauch sind und die das menschliche Miteinander sehr viel angenehmer und höflicher erscheinen lassen: monsieur und madame. "Gibts im Deutschen auch", mag der Leser nun einwerfen, "Herr und Dame/Frau". Gewiss, doch beschränkt sich der alltägliche Gebrauchswert im wesentlichen auf die Fälle, in denen der Name der angesprochenen Person bekannt ist, etwa wenn wir dem Versicherungsvertreter unseres Vertrauens „Hallo Herr Kaiser“ zurufen. Doch fehlen uns die Worte, wenn wir im Restaurant nach der Rechnung verlangen oder ein am Sektkühler klebendes blutiges Heftpflaster beanstanden möchten. Stattdessen rufen wir „Herr Ober“, „Fräulein“, „Hallo“, „Verzeihung“, wohingegen "mein Herr" / "meine Dame“ zumeist in unterwürfigen Zusammenhängen gebräuchlich sind, etwa seitens des zuvor gerufenen, wenn er uns die verlangte Rechnung oder einen neuen, unbepflasterten Sektkühler bringt.

    Anders der Franzose: keine persönliche Anrede ohne „monsieur“ und „madame“, und für den Fall gleichzeitiger Anrede von Menschen unterschiedlichen Geschlechts gibt es ein Wort, das nicht in meinem Wörterbuch enthalten ist, gleichwohl in der Praxis benutzt wird, es heißt 'monsieurdame' oder so ähnlich. "Meine Damen und Herren", das sagen bei uns nur Politiker während Wahlkampfreden oder Parteitagen, nicht nur von der CSU.

    Ja, da fehlt der deutschen Sprache was. 'Alter' ist jedenfalls keine adäquate Entsprechung.

  • Über Kometen, Dickhäuter und den Bonner Nahverkehr

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    Unerfreuliches ist dieser Tage zu lesen über den öffentlichen Personennahverkehr in Bonn, also das Tätigkeitsfeld der Stadtwerke und nicht irgendwelche zwischenmenschlichen Intimitäten, welche zu thematisieren ich mich bisweilen hinreißen lasse. So singt das vielstrophige Klagelied von Verspätungen, Ausfällen, überfüllten Bussen und Bahnen und ähnlichem mehr. Ein erboster, leidgeprüfter Fahrgast weiß laut General-Anzeiger gar von unerträglichem Chaos zu berichten, welches allmorgendlich gegen acht Uhr in der U-Bahn-Haltestelle Hauptbahnhof die Herrschaft an sich reißt. Dies nachzuvollziehen fällt mir indes schwer: Seit die Haltestelle Stadthaus für sechs Millionen Euro in ein Trümmerfeld verwandelt wurde, in welchem aufgrund vorübergehender Bahnsteiglosigkeit keine Bahnen halten, steige ich jeden Morgen kurz vor acht am Hauptbahnhof ein. Jeden Morgen seitdem das gleiche Bild: Die Anzahl der wartenden Fahrgäste ist überschaubar, nie muss ich länger als fünf Minuten auf eine Bahn warten und stets finde ich mühelos darin einen Sitzplatz, ohne mich durch Schülerhorden drängeln oder Omas über das notwenige Maß hinaus schubsen zu müssen.

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    (Chaotische Zustände in der U-Bahn-Haltestelle Bonn Hauptbahnhof am 9. Dezember 2014 gegen 7:55 Uhr)

    Womöglich meint der Zitierte eine Haltestelle in einer anderen Stadt, die auch eine U-Bahn-Station „Hauptbahnhof“ innerhalb ihrer Mauern aufzuweisen sich rühmen kann, das mag es geben, Bielefeld zum Beispiel oder Boppard. Nein, Boppard nicht - dort heißt der Bahnsteig der DB zwar seit ein paar Jahren auch Hauptbahnhof, aber eine U-Bahn sucht man vergebens und vermutlich auch das Chaos gegen acht, außer vielleicht abends im Frühherbst zu Weinfesten. Wo war ich? Ach ja, Bonn. Vielleicht bricht das beobachtete und beklagte Chaos immer erst kurz nach meiner Abfahrt ein, oder es hat die bedauernswerten Pendler inzwischen in ihr Auto getrieben oder aufs Fahrrad, oder sie laufen; ist ja auch viel gesünder, sich des Morgens an der frischen Luft zu bewegen anstatt mürrische Gesichter oder fremder Leute Gequatsche ertragen müssen wie diesen von mir kürzlich gehörten Satz: „Als Universitätsbuchhandlung hast du nochmal einen anderen Anspruch, auch an das Klientel“. Solches anzuprangern erscheint mir als langjährigem Bahnfahrer viel naheliegender.

    Es ist doch so: Seit Menschen zusammenleben, gehen sie sich gegenseitig auf die Nerven, nur an wenigen Orten wird dies deutlicher als im Kino und in öffentlichen Verkehrsmitteln. Das beginnt schon auf der Rolltreppe zum Bahnsteig, wo das Prinzip „links gehen - rechts stehen“ trotz zahlreicher gleich lautender Hinweisschilder, die sicher, trotz der großen Abnahmemenge, auch nicht billig waren, nur von den wenigsten verstanden wird; stattdessen hemmen handypnotisierte Kaffeebecherschicksen (ich liebe es, wenn das Textverarbeitungsprogramm seine Unkenntnis solcher Wörter mit einer roten Strichellinie schmückt) das zügige Vorankommen. Es sei denn, die Rolltreppe rollt nicht. Ein für mich unerklärliches Phänomen ist das Unbehagen, eine stillstehende Rolltreppe zu betreten, niemand tut das gerne und freiwillig, warum auch immer. Nähern wir uns - und ich schreibe bewusst ‚wir’, weil ich mich hier ausdrücklich einbeziehe - nähern wir uns also einer Rolltreppe und bemerken ihren Stillstand erst dann, wenn die erste geriffelte Stufe nur noch wenige Zentimeter von unserer Schuhspitze trennen, so nehmen wir Abstand, machen einen Ausfallschritt nach links und besteigen lieber ihr steinernes Pendant nebenan. Ob die Gründe dafür schon erforscht sind, entzieht sich meiner Kenntnis, erforschenswert erscheinen sie mir allemal, mehr jedenfalls als Staubkorngröße und -geschmack auf fernen Kometen. Und billiger wäre es auch.

    Stichwort Kaffeebecher - jegliche Art der Nahrungsaufnahme ist in Bussen und Bahnen deplatziert. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt, das heißt zu Hause, in gastronomischen Einrichtungen oder notfalls auch auf mehrstündigen Flugreisen - nicht jedoch in der Stadtbahn. Wagenfüllenden Dönergeruch und den Anblick essender Menschen empfinde ich als zutiefst abstoßend, erst recht, wenn sie dabei unter schwerem Atmen grunzende Geräusche absondern. Aus gutem Grunde ist jeglicher Verzehr in Köln verboten: „Beachten Sie das Verzehrverbot auf Kölner Stadtgebiet“ mahnen entsprechende Hinweise in den Bahnen, wobei ich für die Bewohner Kölns hoffe, das Verbot beschränkt sich wirklich nur auf Busse und Bahnen. Wäre ja blöd, wenn die Kölner zum Verzehr eines einfachen Big Macs extra jedes Mal nach Hürth, Brühl oder Leverkusen reisen müssten. (Wäre ich ein Journalist, hätte ich statt ‚Kölner’ jetzt ‚Domstädter’ geschrieben, so wie bei anderer Gelegenheit ‚Alpenrepublik‘, ‚Vierbeiner‘, ‚Dickhäuter‘ oder ‚Medienmogul‘. Andere wiederum finden es normal oder gar amüsant, den Big-Mac-Markeninhaber ‚Mäckes‘ zu nennen, das ist mindestens genau so schlimm, wenn auch nicht ganz so schlimm wie ‚McDoof‘.) Das größte Ärgernis aber sind für mich immer noch - ich erwähnte es früher bereits - Menschen, die sich mit ihrem Fahrrad, anstatt es seiner ureigenen Bestimmung gemäß zu verwenden, im Berufsverkehr in die volle Bahn quetschen, manchmal nur für wenige Stationen. Ich bin wahrlich kein Freund übertriebener Verbote, aber das gehört dringend untersagt, noch weit vor einem Verzehrverbot!

    Doch sind die Verkehrsbetriebe auch ein nimmer versiegender Quell der Komik, etwa wenn in der Blüte ihrer Adoleszenz stehende Jungs sich unbeobachtet wähnen und daher minutenlang im Spiegelbild der dunklen Scheibe an ihrer mühsam und unter Zuhilfenahme diverser Gele, Wachse und Schäume hergerichteten Frisur herum zupfen. Nicht lustig, eher dämlich kommt hingegen die Werbung der Stadtwerke für ihr Handy-Ticket daher, die sich des kreativ eher flach wurzelnden Slogans „Tipp tipp hurra“ bedient. Wiederum erheiternd empfand ich den Ausspruch eines etwa Dreizehnjährigen, der während der Einfahrt der Bahn in die Haltestelle zu seinem Kumpel sagte: „Alter, das ist die neue Bahn!“ - gemeint war einer der jüngst einer Grundüberholung unterzogenen Stadtbahnwagen aus den Siebzigerjahren, von den Bonner Stadtwerken 2012 zu recht als „das Comeback des Jahres“ gefeiert, die Wiederkehr von ‚Dallas‘ verblasst dagegen. Der General-Anzeiger betitelte übrigens neulich einen Artikel, dessen Inhalt ich vergessen habe, mit dem Wort ‚Telecomeback‘ in der Überschrift, auch nicht schlecht, zumindest besser als ‚Tipp tipp hurra‘ und ‚handypnotisierte Kaffeebecherschickse‘. Übrigens ist, wie ich neulich perzipierte, „Alter“ auch eine übliche Anrede, wenn Mädchen unter sich sind, vielleicht nicht gerade im Kreise südstadtresidierender Anwalts- und Lehrertöchter, sondern eher unter jungen Tannenbuschbewohnerinnen.

    Es liegt mir fern, mich plumper Vorurteile zu bedienen, aber es ist nicht völlig auszuschließen, dass die Protagonistin folgender Szene, deren Zeuge zu sein ich gestern das Vergnügen hatte, ebenfalls ihren Wohnsitz im Raum Tannenbusch hat. Ich stieg am Hauptbahnhof aus der 63 (Richtung Tannenbusch) und ging zum Ausgang Thomas-Mann-Straße. An der Sitzreihe kurz vor der Treppe lungerten ein junger Mann und eine nicht wesentlich ältere Frau herum und gaben sich dem Genuss von Flaschenbier und Zigaretten hin, bis die Frau sich von ihrem Bekannten trennte und zu der Bahn lief, aus welcher ich zuvor ausgestiegen war. Kaum war sie an mir vorbei, hörte ich erstens die Bahn abfahren und zweitens die Frau zetern: „Ey voll asi, der nimmt misch nich mehr mit, ey!“ Da musste ich ganz leicht grinsen.

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