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  • Die neue Adresse

    Liebe Leserin, lieber Leser,

    dies ist nun der voraussichtlich letzte Eintrag hier. Wie bereits angekündigt, zieht dieses Blog mit allem bisher geschriebenen um, es geht also nichts verloren. Die neue Adresse lautet: http://alltaeglichesundausgedachtes.com

    Schauen Sie doch gelegentlich mal rein, ich würde mich sehr freuen!

  • Über Glück und einen Umzug

    Das zehnte Wort des wunderbaren Blogprojekts *.txt lautet "Glück". Wie jedes Mal bemühte ich die Suchfunktion meines bescheidenen Blogs und siehe da, zu diesem Thema schrieb ich schon einiges, zum Beispiel hier, hier, hier und dorten. Somit hätte ich es mir - als grundfauler Mensch - wieder sehr einfach machen können. Mache ich aber nicht, ist es doch ein sehr dankbarer Begriff, der ganze Bibliotheken zu füllen vermag, schließlich ist das Steben nach Glück eine der grundmenschlichsten Eigenschaften.

    Vorgestern bespielsweise hatte ich das unzweifelhafte Vergnügen, der Auftaktveranstaltung zu einem neuen Projekt beizuwohnen. Dieses Tritt-aus-Treffen, Verzeihung: Kick Off Meeting begann wie üblich mit einer Vorstellungsrunde. Und siehe da: acht von fünfzehn Teilnehmern nannten nicht nur ihren Namen und ihre Funktion, sondern sie hielten es auch für angebracht, ihre Freude darüber zum Ausdruck zu bringen, an diesem wegweisenden Projekt teilnehmen zu dürfen. Ob sie es wirklich so meinten, wage ich nicht zu bezweifeln, dennoch vermute ich, wäre dieses Treffen anstatt im Besprechungsraum eines hochmodernen Bürogebäudes in einer Holzhütte abgehalten worden, hätten man kein Wort mehr verstanden, weil das Knacken der sich biegenden Balken alles andere übertönt hätte. Vielleicht ist das aber auch eine Form von Glück, welche mir, dem eine ausgiebige Daarmentleerung bei guter Lektüre wesentlich glückstiftender erscheint, bislang verborgen blieb. Ich war übrigens als letzter dran, auf die Glücksformel verzichtete ich aus Zeitgründen.

    Weniger glücklich war ich über die Nachricht, die ich gestern Morgen, noch vor dem Kaffee, von Blog.de erhielt. Dort teilte man mir mit, dass Blog.de Mitte Dezember geschlossen wird und ich mir für mein Blog eine neue Bleibe suchen möge. Die Gründe dafür bleiben im Dunkeln. So ähnlich muss es sich anfühlen, wenn man die Kündigung für seine Wohnung erhält, weil das Haus abgerissen werden soll. Es war eine schöne Wohnung, seit 2007 wohne ich nun darin. Sicher keine Luxusherberge mit hohen Stuckdecken, Flügeltür zum Salon, großer Terrasse und unverbaubarem Blick auf den Rhein, aber doch eine, in der ich mich über die Jahre gut eingerichtet und wohlgefühlt habe. Gut, die Wände und Fensterrahmen müssten mal gestrichen werden, das Bad renoviert, das eine oder andere Möbelstück ausgetauscht werden, auch an den Bildern hat man sich mit der Zeit sattgesehen, aber alles in allem hätte ich hier gerne noch einige Jahre gewohnt. 

    Doch sind die Leute von Blog.de keine schlechten Menschen, die ihre Mieter im Regen stehen lassen. So nennen sie einen neuen Vermieter, der mich gerne aufnimmt, auch bieten sie einen Umzugsservice an. Im Gegensatz zum wahren Leben, wo ein Umzug eine aufgrund des angespannten Wohnungsmarks im Köln-Bonner Raum lange Suche und viel Glück (da ist es wieder) voraussetzt, und der wahlweise den Verlust einiger Freunde oder die saftige Rechnung eines Umzugsunternehmens nach sich zieht, funktionierte dieser Umzug mit ein paar Klicks; selbst mir, in Internetdingen eher unbewandert, gelang er problemlos. 

    Nun sitze ich also in meiner neuen Wohnung, Neubau, Parkett, Balkon; die Kartons sind noch nicht ausgepackt und die Bilder nicht aufgehängt, aber das mache ich nach und nach. Auch wird es noch einige Zeit dauern, bis ich nachts im Halbschlaf das Klo finde, ohne irgendwo gegen zu rennen. Sobald ich mich einigermaßen eingerichtet habe, teile ich Ihnen meine neue Adresse mit - bis dahin bleiben Sie mir bitte gewogen!

  • Man muss viel trinken!

    Es begann am Freitag in der Provence, am Tag vor der Abreise nach zwei Wochen Urlaub in diesem Ort, der uns mittlerweile so vertraut ist. Die Tage waren nahe an dem, was ich mir unter dem Paradies vorstelle: Sonne, Temperaturen um die dreißig Grad, über uns fast nur blauer Himmel. Jeden Morgen um neun, manchmal auch halb zehn aufgestanden, wohingegen ich am Wochenende zu Hause selten vor halb elf aus dem Bett komme, und das auch nur, wenn es unbedingt sein muss; in Ruhe gefrühstückt vor unserem Haus, frisches Baguette, das der Liebste zuvor aus der örtlichen Bäckerei geholt hatte, und die Bonner Tageszeitung, welche dank technischer Errungenschaften auch dort tagesaktuell auf dem Datengerät zu lesen ist; dabei aufmerksam die Entwicklungen in Griechenland verfolgt und bei meinem Arbeitgeber, der sich seit geraumer Zeit in einer Art Krieg mit der Gewerkschaft befand.

    Letztere trübte meine Urlaubsfreude ein ganz klein wenig - viel öfter als mir lieb war, schweiften meine Gedanken ab ins Büro nach Bonn. In diesen unruhigen Zeiten, wo man schon in einer normalen Arbeitswoche nicht wusste, was der nächste Tag bringen mochte, was sie sich wieder ausgedacht haben, die eine wie die andere Seite, um einander zu ärgern, was erwartete mich da erst nach zwei Wochen Urlaub? Nein, ich mochte noch nicht an Montag denken, der kam früh genug (und war, rückblickend, überhaupt nicht schlimm).

    Zurück in die Provence: Sehr viel haben wir nicht gemacht, ein paar Ausflüge in die nähere Umgebung, nach Vinsobres, Nyons, Buis-les-Baronnies (siehe dazu auch den letzten Eintrag), Avignon (zum ersten Mal von Carpentras aus mit dem Zug, der seit diesem Jahr nach 77 Jahren wieder fährt!), Cairanne, La Fare und Châteauneuf-du-Pape. Die eingepackten Wanderschuhe blieben leider unbenutzt, dazu war es einfach zu warm. Ansonsten verliefen die Tage fast alle gleich: Nach dem Frühstück das Geschirr abgewaschen, was ich dort ausgesprochen gerne tue, fast hat es etwas meditatives; während mir zu Hause die Geschirrspülmaschine als eines der wichtigsten Hausgeräte erscheint, noch weit vor dem Fernseher, wäre sie dort das vorletzte, was mir fehlte - das letzte wäre der Fernseher.

    Die meisten Stunden - mal abgesehen von schlafen - verbrachten wir im Schatten des Hofes, lesend (unter anderem Peter Mayle, der sich ja bekanntlich entschied, sein Leben ganz in die Provence zu verlagern, was aus verschiedenen Gründen für mich nicht in Frage käme, und zwei Bücher gegen den Arbeitsfetisch, welche meiner Freude, Montag wieder ins Büro zu gehen, nur wenig dienlich waren, mir andererseits aber keine für mich akzeptable Alternative dazu aufzeigen konnten), ein wenig schreibend, oder nichts tuend: Während die Gedanken schweiften (leider auch immer wieder ins Büro, siehe oben, von wo ich sie jedoch so schnell wie möglich wieder zurück riss wie einen Hund, der sich schnüffelnd nicht vom Laternenpfahl trennen kann), betrachtete ich den blauen Himmel über mir, die groben, mit Grün bewachsenen Steinmauern des Hofes, die Bienen im Lavendelstrauch, oder nur meine Füße vor mir (der linke ist auch nach der OP noch etwas krumm, aber das zu beklagen wäre wohl gleichzusetzen mit Luxus-Lamoyanz, um die altbekannte Phrase "Jammern auf hohem Niveau" nicht noch weiter abzunutzen; im Übrigen strebe ich schon aus Altersgründen keine Karriere als Badehosen-Model oder Pornodarsteller an, vielleicht in einem späteren Leben).

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    Pünktlich um vier Uhr nachmittags kam dann Nachbar K herüber, um uns zum Nachmittagsbier abzuholen, welches wir in der Bar unter schattigen Platanen zu uns nahmen. Man soll bei Hitze viel trinken. Vor dem Abendessen stand stets ein Pastis mit eisgekühltem Brunnenwasser auf dem Tisch. Das Essen nahmen wir anschließend in einem der Restaurants oder nebenan in K’s kühlem Hof zu uns, dazu selbstverständlich Wein, meistens Rosé, und aus Gründen des Anstandes und einer Anmutung von Vernunft unverdünntes Wasser. Nach dem Essen dann noch ein Nachtglas Rosé vor unserem Haus bei flackerndem Kerzenlicht, meistens wurde daraus eine Flasche. Danach ins Bett, selten später als 22 Uhr. Das schaffe ich zu Hause selbst unter der Woche kaum.

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    Wie das immer so ist - ich schaue auf den Kalender und denke: noch sieben Wochen bis zum Urlaub (dem ich dieses Mal so sehnsüchtig wie schon lange nicht mehr entgegengesehen hatte). Wie schnell vergingen diese sieben Wochen, und wie schnell erst recht die zwei Wochen Urlaub, trotz gepflegtem Nichtstuns!

    Doch dieses Mal nahm der Urlaub ein wenig erfreuliches Ende. Am Freitag, ein sehr schwüler und heißer Tag, machten wir den Ausflug mit dem Zug nach Avignon. Schon auf dem Bahnhof von Carpentras fühlte sich der Liebste nicht recht wohl, dieses Unwohlsein verstärkte sich nach der Ankunft in Avignon, so dass wir in der dortigen Markthalle nur schnell das nötigste kauften, ein Vorgang, der sich unter normalen Voraussetzungen über Stunden erstrecken kann, und fuhren mit dem nächsten Zug zurück. Wieder in unserem Haus angekommen, verschlechterte sich sein Zustand weiter, so dass wir schließlich entschieden, einen Arzt zu rufen.

    Doch wie macht man das in einem provencalischen Dorf am Freitagabend? Ruft man auch die 112 wie bei uns? Selbst wenn das geklärt ist, wie macht man sich verständlich bei mangelhaften Sprachkenntnissen wie den meinen? Das Idyll, welches mir die Tage zuvor als eine Art Paradies erschienen war, wurde plötzlich zu einem Ort der Bedrohung, in dem ich mich nackt und hilflos fühlte.

    Doch dann lernte ich Hilfsbereitschaft kennen: Ich schilderte dem Wirt der Bar, der etwas deutsch spricht, mein Problem, und plötzlich kam eine rege Diskussion unter den Barbesuchern auf mit dem Ergebnis, man müsse die Feuerwehr rufen. Ein sehr freundlicher, deutsch sprechender Belgier rief schließlich dort an und übersetzte die Fragen der Gegenseite und meine Antworten zu Alter, Art der Beschwerden und so weiter, auch wartete er mit mir, bis der Rettungswagen eintraf. Niemals wieder soll aus meinem Mund ein Wort gegen Belgier kommen, wenn sie zum Beispiel wie die Bekloppten über französische Autobahnen rasen.

    Sie untersuchten den Liebsten, wahrscheinlich Hitzschlag, und brachten ihn zur Sicherheit ins Krankenhaus von Vaison-la-Romaine. Ich fuhr mit K in unserem Wagen hinterher, das Nachmittagsbier und der Pastis des Abends waren rasch vergessen, ich fühlte mich nüchtern (und war es wahrscheinlich auch).

    In Vaison angekommen, lernte ich kennen, was ich bislang nur aus irgendwelchen Fernsehserien kannte: im Krankenhaus sitzen und auf die Nachricht hoffen, dass alles in Ordnung sei; bei Dallas saßen sie, so weit ich mich erinnere, in jeder zweiten Folge im Dallas Memorial Hospital und warteten - auf Pamela, die vom Pferd gefallen war, auf Sue Ellen, die besoffen vor den Baum gefahren war, und mit dem alten Jock Ewing war auch immer was, vielleicht war es auch Bobby oder Cliff Barnes, was weiß ich, egal; unglaublich, was für unsinnige Gedanken einem in dieser Situation durch den Kopf gehen, wenn man nichts tun kann außer zu warten, dem Rauschen des Klimagerätes zuzuhören und die französischen Präventionsplakate auswendig zu lernen: „Bei Hitze viel trinken und genug essen, bei anhaltendem Unwohlsein die 15 anrufen“, aha, die 15 also, war das auch geklärt. Die bereitliegenden Zeitschriften rührte ich nicht an. Zum Glück war K bei mir, wartete mit mir und konnte übersetzen, wenn die gute Nachricht kam.

    Die kam dann auch: Die Diagnose Hitzschlag wurde bestätigt, wir konnten zu ihm, er hatte schon wieder etwas Farbe im Gesicht. Zwei Infusionen und ein Abendessen später konnten wir zu dritt zurück fahren. Selten bin ich so gerne Auto gefahren!

    Dazu hatte ich, der Autofahren nicht gerade als seine Lieblingsbeschäftigung bezeichnen würde, am nächsten Tag reichlich Gelegenheit, denn die Rückfahrt nach Bonn stand an. Da der Liebste noch immer etwas angeschlagen war, fuhr ich fast die gesamte Strecke, 970 Kilometer durch bis zu 40 Grad Hitze mit einem langen Stau in Lyon. Wenn innerhalb des Hauses der Geschirrspüler das wichtigste Gerät ist, dann ist es außerhalb die Klimaanlage des Autos, und die funktionierte tadellos und trug erheblich dazu bei, dass es ihm im Laufe der Fahrt immer besser ging. Doch nach elf Stunden Fahrt in Bonn angekommen, schlug die rheinische Schwüle mit voller Wucht zu und brachte sein wiedererlangtes Wohlbefinden innerhalb einer Stunde zum Schmelzen.

    Da die drückende Hitze der Bonner Tallage auch am Sonntag nicht nachließ, verschlechterte sich der Gesundheitszustand weiter, so dass wir am frühen Nachmittag erneut den Notarzt riefen. Das erwies auch hier trotz Nummern- und Sprachkenntnis als gar nicht so einfach: Ich wählte die 112, beschrieb das Problem und beantwortete die üblichen Fragen. Der freundliche Herr der Notrufzentrale verwies mich an eine zentrale Arztrufzentrale. Diese nannte mir Name und Anschrift einer diensthabenden Ärztin, deren Praxis von 16 bis 17 Uhr geöffnet sei. Nach dem vorsichtigen Hinweis meinerseits, dass wir aber jetzt sofort Hilfe benötigen, wurde mir auch die Mobilnummer der Ärztin genannt. Die hatte jedoch anscheinend gerade zu tun, jedenfalls nahm sie meinen Anruf nicht an. Also wieder die 112, wo ich den freundlichen Herrn schließlich überreden konnte, einen Rettungswagen zu schicken, der auch bald kam.

    Der weitere Verlauf war ähnlich wie zwei Tage zuvor in Frankreich: kurze Untersuchung im heimischen Bett, dann Transport in die Notaufnahme der Uniklinik auf dem Venusberg. Ich mit C in unserem Auto hinterher. Warten im heißen und vollen Wartesaal. „Sie können nun zu ihm“, hieß es bald. Untersuchung, Infusionen, Bestätigung der Diagnose Hitzschlag, „Haben wir ganz viele in diesen Tagen, die Leute trinken zu wenig.“

    Wieder raus, warten. Draußen bewölkte es sich inzwischen, die Sonne verschwand, die Hitze blieb. Ich holte mir eine große Flasche Wasser aus dem Café, man muss viel trinken, ich weiß, spätestens jetzt weiß ich es. Wieder rein, Zustand und Laune des Liebsten verbesserten sich mit jedem Tropfen der Infusion. Gegen 18 Uhr platzten die Wolken, dicke Hagelkörner schlugen zu Boden und knallten auf die Blechdächer der Fahrradständer. Nach vielleicht zehn Minuten war es vorbei, Eisbrocken schmolzen, der Boden dampfte. Die letzte Infusion war durch, „Sie können nun gehen“, beschied ein netter junger Arzt dem Liebsten, „und nicht vergessen: viel trinken!“ Mit dreifacher Erleichterung fuhren wir nach Hause, über von Blättern und Zweigen grün bedeckte Straßen und durch tiefe Pfützen. Unterwegs kauften wir bei einer Tankstelle so viel Mineralwasser, wie wir tragen konnten.

    Welche Erkenntnisse habe ich nun daraus gewonnen?
    Erstens: Es ist fahrlässig, ja dumm, in ein anderes Land zu fahren, ohne die Nummer des Notrufs zu kennen.
    Zweitens: Das schönste Idyll wird zur Bedrohungskulisse, wenn ein Notfall eintritt.
    Drittens: Rosé, Bier und Pastis gelten nicht als Getränke im Sinne der Hitzschlagprävention.
    Viertens: Nichts gegen Belgier!
    Fünftens: Es ist schön, Freunde wie K und C zu haben. DANKE für euren Beistand in den Stunden bangen Wartens!!!
    Sechstens: Man muss viel trinken.

  • Luxus

    Am Samstag waren wir von Freunden zum Essen ins Restaurant eingeladen. Mit der Einladung ein paar Tage zuvor ging die Frage einher, ob wir Hummer mögen. Nun zähle ich nicht zu den regelmäßigen Essern dieses kostbaren Krustentieres, doch erinnerte ich mich des zarten wohlschmeckenden Fleisches, welches gereicht wurde, als wir vor längerer Zeit mit unseren Nachbarn aßen, daher sagten wir ja (beziehungsweise in diesem Fall oui).

    Leichtes Misstrauen meinerseits kam auf, als das Besteck aufgelegt wurde, welches geeignet schien, damit eine mittelkomplizierte Kieferoperation auszuführen - neben Messer, Gabel und Löffel umfasste es auch eine massive Zange und ein nicht näher zu bezeichnendes Kratz- und Stechwerkzeug. Auch das Kettchen mit den Klammern an jedem Ende, welches dazu diente, die Serviette vor die Brust zu hängen, so wie beim Zahnarzt zum Schutze der Kleidung vor spritzendem Blut, bevor er mit der Wurzelbehandlung beginnt, trug nicht zur Zerstreuung meiner Bedenken bei.

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    Dann wurde es ernst, zunächst für die Hummer: Eine Küchenkraft trat an das in Sichtweite stehende Aquarium und fischte mit einer großen Schöpfkelle zwei Tiere aus dem Becken. Ob sie wohl ahnten, was ihnen bevorstand? Schlechtes Gewissen überkam mich, fast glaubte ich, den anklagenden Blick in den Hummeräuglein zu erkennen.

    Wenig später wurden vier halbe Hummer aufgetischt, also am Stück, nur eben halbiert. Nun war es an mir, herauszufinden, wo sich innerhalb roter Kruste, Beinen, Fühlern und Scheren die essbaren Bestandteile versteckten. Im Hummerverzehr weitgehend ungeübt, schaute ich, was die anderen machten. Was ich beobachtete, erinnerte eher an das Gemetzel einer ausgehungerten Raubkatze gegen die gerissene Antilope, als an ein gepflegtes Mahl in gehobener Gastronomie: Mit geübten Handgriffen und doch brachialer Gewalt zerrissen sie das eben noch friedlich im Aquarium seiner kulinarischen Bestimmung entgegendämmernde Tier, kratzten hier, lutschten dort, Schmatzen und Krachen der berstenden Schalen lagen in der Luft.

    Ich versuchte, es ihnen gleichzutun, doch so sehr ich mich auch mühte, das Biest erwies sich als verdammt stabil, die Zange glischte mir aus meinen schmierigen Händen und die umstehenden Weingläser waren bald mit Soße bespritzt. Trotz der ausgezeichneten Klimatisierung des Restaurants standen mir Schweißperlen auf der Stirn. Nach und nach landeten die abgerissenen Hummerteile in der großen Abfallschüssel in Tischmitte, ab und zu stieß ich auf einzelne Fleischfasern, die mir zum Verzehr geeignet schienen.

    Auch die Hummerschere landete schließlich in der Schüssel, nachdem es mir nicht gelungen war, dieser mit den zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln beizukommen; Schraubstock, Meißel und Säge gehörten leider nicht zur Ausstattung meines Platzes. "Bist du des Wahnsinns", herrschte mich der Liebste von der Seite an, "die Schere ist das beste!" Er barg sie aus der Schüssel und zupfte mit geschicktem Werkzeugeinsatz und unter lautem Knacken das darin befindliche Fleisch heraus.

    Zum Glück umfasste das Mahl einen zweiten Gang: Die anschließend gereichten Lammnüsschen (was keine schafkindlichen Hoden sind) bereiteten mir einen deutlich größeren Genuss, auch gelang es mir, diese ohne fremde Hilfe, Nussknacker und nennenswerte Verschmutzung der Umgebung zu mir zu nehmen.

    Fazit: Hummerfleisch ist wohlschmeckend, sofern man seiner habhaft wird, auch sollte man nicht allzu hungrig sein - trotz einer gewissen phonetischen Ähnlichkeit schließen sich Hummer und Hunger aus. Vor mir muss jedenfalls kein Hummer mehr um sein Leben fürchten.

  • Sommerloch

    Die besten Geschichten schreibt immer noch die Zeitung. So war kürzlich zu lesen, im westfälischen Hagen sei eine Frau von einer Katze gebissen worden, über die Beweggründe des Tieres lässt uns die Meldung im Dunklen; vielleicht hatte sie einen schlechten Tag oder einfach nur Hunger, steckt man ja zum Glück nicht drin, in so einer Katze. Darob verärgert, rastete die Frau völlig aus und trat nicht etwa, wie ich es getan hätte, nach der Katze, sondern biss und prügelte ihrerseits ihren Freund, zugleich Halter der Katze und somit in den Augen der Frau wohl verantwortlich für ihr Tun.

    Da es dem Mann nicht gelang, die Tobende zu bändigen, setzte er einen Notruf ab, auf dass die Freundin wegen häuslicher Gewalt der Wohnung verwiesen werde. Nicht überliefert ist indes, ob er anschließend seinerseits die Katze biss. Erst dann wäre es eine runde Sache geworden, das zugehörige Video auf Youtube hätte sich vermutlich in kürzester Zeit millionenhafter Popularität erfreut.

  • Ruhe im Biergarten

    Man darf heute so ziemlich alles sagen, nur nichts gegen Kinder. Davon ließ sich ein Düsseldorfer Biergartenwirt nicht beeindrucken, und so erklärte er einen Teil seines Lokals zur kinder- und hundefreien Zone. Nach eigenem Bekunden war er es leid, dass gewisse Eltern es für unnötig hielten, einzuschreiten, wenn ihre lieben Kleinen andere Gäste mit Sand bewarfen oder Tische und Bänke großflächig mit einem Sand-Wasser- beziehungsweise Saftgemisch belegten. Kann ich mir gut vorstellen: Mami - sagt man noch so oder rufen Kinder ihre Eltern heute generell beim Vornamen? - wie auch immer: Eine erziehungsberechtigte Person widmet sich mit voller Hingabe ihrem Datengerät und schlürft gelegentlich an ihrer Latte Irgendwas, derweil Maximilian-Luca und Mechthild-Charlotte mit der Dezibelstärke einer startenden Boeing 747 durch die Tischreihen toben.

    Wie nicht anders zu erwarten, zog der Wirt mit dieser Entscheidung die Wut der Netzbewohner auf sich: "Wie kann man Kinder und Hunde gleichsetzen?" (Viele können das schon lange, ohne dass es jemanden empört, man höre nur, wie mancher Hundehalter mit seinem verhätschelten Vieh spricht.) "Unser Sohn geht nicht auf umzäunte Spielplätze!" (Glückwunsch, damit wird er ja bestens auf das Leben vorbereitet. Vielleicht wird er mal Vorstand oder Geschäftsbereichsleiter bei einem großen Konzern, dort kann er dann die tollsten Dinge entscheiden, ohne Widerspruch fürchten zu müssen.) "Wir kommen nie wieder!" (perfekte Antwort: "Sie können gerne nie wieder kommen.")

    Ich finde die Entscheidung des Biergärtners mutig - und richtig, und das meine ich genau so, wie ich es schreibe, mit jedem Buchstaben und i-Punkt; unter einem Berg aus Sandkuchen, Förm-, Eimer- und Schäufelchen möchte ich elendig ersticken, enthielte dieser Satz eine Spur von Ironie.

    Die Idee der kinder(wagen)freien Zonen ließe sich ausweiten, zwei Vorschläge hätte ich dazu spontan parat. Erstens: die Stadtbahn. Gerne verzichtete ich auf das Geschrei von Finn-Paul, welches schon frühmorgens den Wagen erfüllt, und die mir gegenüber sitzende Lea-Marie, die mir mit ihren strampelnden Beinchen von Hauptbahnhof bis Heussallee permanent gegen das Schienbein tritt. Ein besonders penetrantes Exemplar zog mir schon den Kopfhörer aus dem Ohr und steckte ihn in sein leibreizendes Kinderöhrchen, derweil Mama ihe Aufmerksamkeit dem jenseitigen Dunkel des U-Bahn-Tunnels widmete. Zweitens: Ich bin für ein generelles Kinderwagenverbot auf Weihnachtsmärkten und ähnlichen personendichten öffentlichen Veranstaltungen. Die Kinder haben ohnehin nichts davon - Hunde übrigens auch nicht - und die Fersen aller anderen Besucher dankten es.

    "Du warst doch auch mal ein Kind", höre ich sie rufen. Stimmt, und ich bitte im Nachhinein alle Mitmenschen um Verzeihung, denen ich einst mit meiner kindlichen Penetranz auf die Nerven ging.

    Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Diese Zeilen richten sich nicht gegen die Träger unserer aller Zukunft. Dafür umso mehr gegen Eltern, die offenbar kein Interesse daran haben, ihrer Brut die Grenzen zu zeigen. Waren Sie schon mal in Frankreich? Falls ja, ist Ihnen vielleicht aufgefallen, wie sich französische Kinder im Restaurant betragen. Sie spielen nicht Fangen oder Verstecken zwischen und unter Tischen, krakeelen nicht herum, wenn ihnen die Gänsestopfleber nicht schmeckt, und verwandeln den Tisch nicht in ein Schlachtfeld. Stattdessen sitzen sie ruhig an ihrem Platz und essen. Wie schaffen die das nur, die Franzosen? Vielleicht mit Wein.

  • Singkrähe

    Es ist Sommer. Die Tage sind länger, die Beinkleider kürzer, der Mensch zeigt seine Tätowierungen, Mauersegler jagen piepsend um das Haus, Balkons und Gärten erblühen in bunter Pracht, die Botten aus der Nachbarschaft kiffen in lauer Nacht auf dem Kinderspielplatz gegenüber.

    Und es wird lauter, jedenfalls bei uns. Geräuschquelle ist eine Dame schräg über den Hinterhof, die ohrenscheinlich große Freude am Gesang hat. Singen macht bekanntlich glücklich, wovon ich mehrere durch eigene Erfahrung komponierte Lieder singen kann: im Chor, unter der Dusche, auf dem Klo, beim Laufen - wo auch immer einem gerade der Sinn danach ist und die persönliche Hemmschwelle es zulässt. "Wo Musik ist, lass dich nieder - böse Menschen haben keine Lieder", so der Volksmund. Daraus folgend ist besagte Dame gegenüber ein grundguter Mensch, denn sie hat Singstar. Also dieses Dings für den Computer zum Mitsingen, nicht eine heimtückische Erkrankung wie Grauer Star, wobei, ganz sicher bin ich mir nicht.

    Auf dass alle Welt, oder jedenfalls der Teil der Inneren Nordstadt, in dem wir wohnen, in den Genuss ihrer Kunst komme, gibt sie sich leidenschaftlich hin, stundenlang, bei weit geöffnetem Fenster, wer singen will braucht Luft; immer dasselbe Lied - gestern zum Beispiel 'Roxanne' von The Police, Sie kennen es sicher, dieser Song, bei dem Herr Sting kreischt, als habe er sich mit dem Hammer mehrfach auf den Daumen gehauen: "Rooxanne.... Rooooxanne...". Sie singt nicht schön, dafür laut, manchen Ton trifft sie sogar. Und wer bin ich, ihr dieses zu verübeln, jedem sein Glück, siehe oben.

    Bei der zirka dreihundertfünfzigsten Strophe erschien es indes meinem eigenen Glück zuträglicher, das Fenster zu schließen. Während ich bei nur leichter Überschreitung der akustischen Schmerzgrenze Bruckners neunter Sinfonie lauschte, freute ich mich gegen Ende des ersten Satzes ein ganz klein wenig auf den Winter.

  • Aller Anfang

    Eine der wohl sinnvollsten Erfindungen neben dem Rad, der Geschirrspülmaschine, dem Stoppschild und dem elektrischen Rasenkantenschneider, dabei jedoch weitgehend unbeachtet vom öffentlichen Diskurs, ist der Daueranfangsfinder; zugleich ein wunderbares Beispiel deutscher Wortbildungskunst, welches der Doppelhaushälfte in keiner Weise nachsteht. Ich entdeckte ihn eher zufällig auf einer Packung Frischhaltefolie.

    Daueranfangsfinder

    Sie kennen das vielleicht (andere würden den Satz auch einleiten mit Wer kennt das nicht): Vom Heißhunger auf vitaminreiche Kost getrieben (beziehungsweise heißhungertechnisch unterwegs) öffnen Sie in Ermangelung eines gefüllten Obstkorbes eine Büchse Dosenmandarinen, beginnen darin zu löffeln und bemerken spätestens beim Zerkauen des achten Stücks, wie scheußlich die Dinger schmecken.

    Da sich die (groß-)elterliche Mahnung, Lebensmittel zu achten ("die armen Kinder in Afrika" - "Altes Brot ist nicht hart. Kein Brot, das ist hart!" - "Es gab ja nichts. Wir haben damals den Kitt aus den Fensterrahmen gefressen!" - und so weiter) seit frühester Kindheit eingebrannt hat, beschließen Sie, die Dose mit Frischhaltefolie zu verschließen und in den Kühlschrank zu stellen, wo sie im Laufe der Zeit unbeachtet vom Weltgeschehen immer weiter nach hinten rückt zu den alten Gläsern mit selbst gemachter Marmelade, die Ihnen gutmeinende Menschen einst schenkten; in dösiger Vergessenheit legen die Früchte bald einen grünlichen Pelz an, welcher es Ihnen endlich ermöglicht, die Dose guten Gewissens zu entsorgen, sollten Sie sie zufällig nach acht Wochen entdecken.

    Die theoretische Idee der Frischhaltefolie ist nahezu genial - aus irgendwelchen elektrostatischen Gründen, welche zu recherchieren ich zu bequem bin, haftet das Zeug an Schalen und Tellern (jedoch nicht an Blechdosen) und ermöglicht auf physikalisch-phantastische Weise die nahezu luftdichte Abdeckung des Frischzuhaltenden.

    Vor der praktischen Anwendung der Folie steht jedoch eine Herausforderung, welche auch das sanfteste Gemüt in den Wahnsinn zu treiben vermag. Zunächst gilt es, den Anfang der Rolle zu finden, welcher fest an selbiger haftet und sich trotz intensiven Suchens, Tastens und Fühlens nicht zu erkennen gibt. Ist dies dann doch endlich gelungen, o Triumph menschlicher Überlegenheit gegen die Tücke des Objekts, kommt die große Stunde des Daueranfangsfinders, einer kleinen klebrigen Fläche an der Außenseite der Packung, auf welcher der Anwender das mühsam gefundene Ende der Rolle fixieren kann, auf dass es ihm fortan jederzeit zur Verfügung stehe.

    Doch vermag dieser kleine klebrige Helfer das Hauptproblem der Frischhaltefolie nicht zu lösen. Theoretisch ganz einfach, reißt man das benötigte Stück Folie über die metallene Sägezahnklinge ab. Praktisch denkt die Folie gar nicht daran, sich gerade dort von der Rolle zu trennen, stattdessen zerfetzt sie in kleine, unbrauchbare Knäuel, blutige Fingerkuppen inbegriffen (beziehungsweise vorprogrammiert).

    Indes liegt es mir fern, den Nutzen des Daueranfangsfinders kleinzureden, die grundsätzliche Idee dahinter ist gut und erscheint der Ausweitung auf andere Lebensbereiche würdig: Sie müssen Ihre Steuererklärung machen, können sich aber nicht dazu aufraffen? Mit dem Daueranfangsfinder sind die benötigten Unterlagen bald zusammengebracht und die Formulare ausgefüllt. Sie haben ein Rendezvous, schon das Objekt Ihrer Begierde bei Tee und Naschwerk neben sich auf dem Sofa und trauen sich nicht, den ersten Schritt zu tun? Der Daueranfangsfinder verhilft Ihnen bald zu sinnlichen und körperlichen Höhenflügen im achten Himmel.

    Sie müssen einen Text erstellen, weil Sie sich absurderweise die Pflicht auferlegt haben, einmal wöchentlich was in ihr Blog zu schreiben, aber Ihnen fällt nichts ein? Der Daueranfangsfinder lässt die Worte nur so fließen. Und vielleicht ermöglicht es der technische Fortschritt eines fernen Tages sogar, dass dann etwas weithin beachtetes dabei rauskommt. Man soll die Hoffnung niemals aufgeben.

    ***

    Nachsatz für die Leser des *.txt-Projektes: Das war jetzt sehr weit hergeholt, das gebe ich zu.

  • Noch nicht

    Hinweis: Die nachfolgende Geschichte ist frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen oder Firmen wären rein zufällig.

    ***

    Noch immer ging er morgens einigermaßen gerne ins Büro, montags etwas weniger, aber grundsätzlich schon. Mit seinem Chef und den Kollegen der Abteilung kam er gut aus, und seine Tätigkeit machte ihm Spaß, auch wenn sie Außenstehenden nicht so leicht zu erklären war wie zum Beispiel die eines Dachdeckers. Allein schon deshalb vermied er es möglichst, in der Freizeit über den Job zu reden; die Trennung Arbeit und Privatleben war ihm heilig, 'Homeoffice', allein schon das Wort, ein Gräuel, Zuhause und Büro, das schloss sich gegenseitig aus wie Öl und Wasser.

    Früher war er stolz darauf gewesen, für dieses Unternehmen zu arbeiten. Heute? Es gab sicher schlechtere Arbeitgeber als diesen, aber stolz? Es hatte sich vieles geändert seit damals, als er angefangen hatte, vor über zwanzig Jahren. Das Management hatte die Schraube kontinuierlich angezogen, zum Wohle des Gewinns und der Aktionäre, auch zur Sicherung der Arbeitsplätze, aber immer weniger Mitarbeiter verstanden noch die Strategie, und das nicht nur, weil die letzte große Kommunikationskampagne so viele englische Begriffe enthielt. EBIT, Effizienz, Herausforderungen, Performance, Wettbewerb waren die Schlagworte; wir müssen die größten am Markt werden, über Ländergrenzen hinweg, koste es, was es wolle. Parolen nach innen und nach außen, die ein schlecht programmierter Phrasengenerator erzeugt haben könnte und die oft an die Propaganda früherer Ostblockstaaten erinnerten. Und der eine Großkunde, der das Unternehmen fest in seiner Zange hatte, dem jeder Wunsch erfüllt wurde, und wenn es der größte Unfug war, aber das sagte man besser nicht laut.

    Schon lange hatte er für sich beschlossen, keine weitere Karriere machen zu wollen, sich mit dem zufrieden zu geben, was er erreicht hatte, und das war nicht schlecht. Karriere, das überließ er gerne den jungen dunkelbeanzugten Typen mit den streng gescheitelten Gelfrisuren, die das Gebäude erst spät abends und nie ohne Laptoptasche verließen und die im Aufzug nicht grüßten, weil sie wie hypnotisiert auf ihr Datengerät starrten; die die Parolen glaubten und nachplapperten wie Dohlen, die für einen tollen Titel gerne ihre Seele an das Unternehmen verkauften, immer erreichbar, Tag und Nacht, am Wochenende und im Urlaub.

    Also spielte er ihr Theater mit, solange er noch eine aktive Rolle innehatte, immerhin bezahlten sie ihn gut dafür. Das konnte sich jederzeit ändern, dessen war er sich bewusst, schon mancher Kollege wurde von heute auf morgen zum Statisten oder gar Zuschauer, „der macht jetzt Projekte“ hieß es dann. An konspirativem Gewisper in der Kaffeeküche beteiligte er sich nicht. Nein, innerlich gekündigt hatte er nicht. Noch nicht.

  • "Keine Diskriminierung"

    Manches würde ich niemals tun, zum Beispiel mich entgeltpflichtig an einem Gummiseil von einem Kirchturm stürzen oder einen Leserbrief an die Tageszeitung schreiben. Dachte ich bis gestern. Dann tat ich es doch, also nicht den Gummiseilsprung, sondern das mit dem Leserbrief. Grund dafür war der Leitartikel im Bonner General-Anzeiger am Dienstag zur aktuellen Diskussion über die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare, nachdem sich die Iren am vergangenen Wochenende mit deutlicher Mehrheit dafür entschieden haben. Hier der Auslöser:

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    Da ich nicht unbedingt davon ausgehe, dass der Leserbrief den Weg in die Zeitung finden wird *, erlaube ich mir, ihn Ihnen hier zur Kenntnis zu bringen.

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    Sehr geehrte Damen und Herren,

    den Kommentar von Norbert Wallet zum Thema Öffnung der Homoehe las ich mit einer Mischung aus Ärger und Verwunderung, steht er doch im krassen Gegensatz zu der ansonsten sehr ausgeglichenen Berichterstattung Ihrer Zeitung zu diesem Thema. Es ist absurd, die Lebenspartnerschaft gleichzusetzen mit der Gemeinschaft Eltern / Kinder und Bruder / Schwester, fehlt nur noch Herr / Hund.

    Weiter bemüht Herr Wallet die altbekannte, vom Bundesverfassungsgericht schon lange als unzutreffend erklärte hervorgehobene Stellung der klassischen Ehe als "Keimzelle" der menschlichen Spezies, die angeblich Artikel 6 des Grundgesetzes fordert. Folgte man dieser Argumentation, müsste jede Ehe per Gesetz annulliert werden, die kinderlos bleibt. Kein einziges heterosexuelles Paar wird durch Öffnung der Ehe daran gehindert, zu heiraten und Kinder großzuziehen.

    Ich habe mir meine sexuell Präferenz wahrlich nicht ausgesucht, bin jedoch damit sehr glücklich und lebe seit nunmehr 13 Jahren in einer eingetragenen Partnerschaft. Ohne Frage würde ich meinen Mann heiraten, wenn ich denn dürfte. Aber ich darf nicht. Wenn das keine Diskriminierung ist, was dann? Auf den kirchlichen Segen verzichte ich dabei gerne, Gottes Segen genügt mir. Und den habe ich, dessen bin ich mir sicher, immerhin hat er mich so gemacht wie ich bin.

    ***

    Indes ist mein Groll inzwischen wieder ein wenig abgeklungen, nachdem der General-Anzeiger heute diesen Kommentar druckte:

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    Auslöser war die Reaktion des Vatikans auf das irische Wahlergebnis, welche erwartungsgemäß wenig begeistert ausfiel. Ein gewisser Pietro Parolin, seines Zeichens Kardinalstaatssekretär, sieht darin eine „Niederlage der Menschheit“ und zeigte sich „sehr traurig gestimmt“. Möglicherweise auch deshalb, weil er wegen des verdammten Zölibats nicht an der Öffnung der Ehe partizipieren kann, wer weiß.

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    * Nachtrag vom 30.5.2015: Doch, fand er heute.

    GA-3

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